Persönliche/private Aspekte der deutschen Einheit - auch 30 Jahre danach...


Categorie: Heimat

00. Germany

Die persönlichen Aspekte der deutschen Einheit!

Man mag sich Vieles vorstellen, wenn man an „persönliches Erleben im Zusammenhang mit dem Mauerfall“ denkt -
aber die folgenden Punkte sicher nicht, die muss man dafür LIVE erlebt haben, um zu wissen,
wie sich jemand aus dem Osten gefühlt hat,
nachdem die erste Euphorie der Wiedervereinigung verflogen war…..

Ich könnte darüber ganze Bücher schreiben – bin ja auch damit beschäftigt – und im Gegensatz zur
Meinung vieler Menschen aus dem „Westteil“ von Deutschland, neige ich NICHT zum Jammern über die „frühere“ Zeit
und ebenso wenig „verherrliche“ ich die sogenannte „Ostalgie“………!

Doch ich zeige Ihnen hier mal an ein paar Beispielen, wie es MIR nach der Wende/dem Mauerfall ergangen ist….
Die Bewertung dessen lasse ich bei IHNEN:


(Es sind nur kurze Notizen, wie oben erwähnt, würden Details ganze Bücher füllen….)

* Habe damals in Ostberlin gewohnt, mitten in der Stadt. Ab 1989/90 wurden überall die „ostdeutschen“ Firmen aufgelöst,
meine Kollegen und ich beschäftigte man mit „Nachrechnen von Rechnungen der großen (West)Konzerne,
die nun NEU über Ostberlin „hereinbrachen“.
EIGENE Entscheidungen durfte kaum noch ein „Ostangestellter“ treffen – das übernahmen nun Leute aus dem Westen!
Ich habe mir das ein halbes Jahr mitangeschaut, dann habe ich mich im Westteil der Stadt beworben - und wurde
angenommen – zu meiner großen Freude!
Logistisch war es für mich eine große Herausforderung, es gab ja noch keinen öffentlichen Nahverkehr von Ost nach West!
Bin also früh um 4.30 Uhr (!) mit der Straßenbahn losgefahren, dabei 4-5-mal (je nach Anzahl der Baustellen(!) umgestiegen
(von der Straßenbahn in die S-Bahn und umgekehrt), an der Grenze ausgestiegen
und dann ca. 1 km über den ehemaligen Mauerstreifen/Brücke zu Fuß (!) gelaufen, dann weiter im Westteil mit der S-Bahn,
dann von der S-Bahn im Galopp gelaufen, um 6.45Uhr noch anzukommen – denn ab 6.46 Uhr zeigte die Stechuhr
des Arbeitgebers „zu spät“ an, um 7.00 Uhr begann die Büroarbeit. (Gleitzeit gab es noch nicht)
Nachmittags auf dem Rückweg das Gleiche, wieder fast
2 1/4 Stunden Fahrt zurück,
bin oft in der Bahn eingeschlafen, bin dann später gerannt, um meine Kinder rechtzeitig von der Schule/Hort abzuholen.
„Ach, ich schaffe das schon“, dachte ich, denn es war eine neue Aufgabe und auch die Bezahlung war doppelt so hoch
wie im Ostteil.
Später stellte sich heraus, dass ich trotzdem nur die Hälfte meiner (West)Kollegen bekam,
aber das wusste ich damals noch nicht. Es zeigte mir damals nur, wie wenig ich im Osten verdient hatte….trotz jahrelanger
Ausbildung.
Und es zeigte noch eins:
Ich war mir MEINES WERTES nicht bewusst! War nicht gewohnt zu verhandeln, verkaufte mich „unter Wert“ d.h. vom Gehalt her
„für einen Appel & ein Ei“ würde man heute sagen.

* Am Anfang waren die (meisten) meiner neuen Kollegen/innen freundlich zu mir, doch nicht jeder wollte mir morgens die Hand
geben….Kommentar: „ ich kenne keine Leute aus dem Osten….und ich will dort nicht mal zu Besuch hin!“
Mich befremdete das sehr. Doch ich wollte meine Arbeit gut machen und konzentrierte mich darauf.


* Dieses „Arbeit gut machen“ war nicht so einfach wie von mir gedacht!
Ich kämpfte sowohl in meinem Privatleben als auch im Geschäftlichen mit elementaren Dingen – z.B. hatte ich immer noch
kein Telefon (nicht mal EINS fürs GANZE Haus, auch nicht 3 Jahre NACH der Wende!),
hatte nur eine alte („halbautomatische“ Ost-)Waschmaschine, da das Haus, in dem wir wohnten, alt war und man nicht wusste,
ob die Rohre für eine neue moderne tauglich waren, ich hatte zwei Kinder, die zur Schule gebracht und abgeholt werden mussten
(ich aber ab 4.30 Uhr aus dem Haus war)
Abends rannte ich – wie schon erwähnt – um die Kinder vor der Schließung des Schulhortes abholen zu können,
da ihr Vater noch länger arbeitete als ich…..etc. etc.
Wenn ich morgens ins Büro kam, saßen meine „Westfrauen“ gestylt am Schreibtisch, mit Designerkleid und hübscher Frisur,
waren mit dem Auto gekommen oder teilweise vom Ehemann „gebracht!" worden…zum Zeitvertreib,
man „brauchte“ eigentlich nicht zu arbeiten….
Ich hatte auch tolle Kleider an (schade, musste damit über den Mauerstreifen rennen, die Schuhe in der Hand!) – kam damit aber
wie „Vom Winde verweht“ mit wehendem Haar und abgehetzt an….
Sie unterhielten sich, ob die Farbe der Handtücher zu ihren Kacheln im Bad passte – ich hätte gern ein schönes Bad gehabt,
wo ich einfach den Wasserhahn aufdrehen und für die Kinder ein Bad einlassen konnte…
Tja, zwischen mir und meinen Kollegen/innen lagen WELTEN!
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 2021 02 28 pers. Aspekt Mauerfall 1Wohnung in Berlin Traurigkeit
Hier zwei Fotos von damals:
  "abgehetzt und ausgepowert" und irgendwie traurig.....hetzte ich tagtäglich zwischen Ost-und West-Berlin
hin und her - ein Auf und Ab in verschiedenen Welten....noch JAHRE später machten sich Leute über mich lustig,
da ich immer so RANNTE.... Ein RENNEN, welches ein NICHT-BERLINER sowieso nicht verstehen kann...
angesichts der riesigen Entfernungen, die man TÄGLICH zurücklegen muss....
Irgendwo rennt man immer - früh auf dem Weg zur S-Bahn oder abends, um die Kinder abzuholen...oder um
schnell noch einzukaufen....vor Ladenschluss...
2021 02 28 pers.Aspekt Mauerfall 2 Traurigkeit
Besonders dieses Foto zeigt meine damalige Erschöpfung und auch Traurigkeit
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* Geschäftlich aber gab es die größte Herausforderung!
PC´s hatten sie Anfang der 90er dort (noch) nicht, nur die Sekretärin vom Chef durfte ab und zu mal „üben“,
wir anderen hatten „Eingabegeräte für die Buchhaltung“, ICH durfte diese nicht benutzen!
Dafür verlangte man ALLES das von mir, was normalerweise Auszubildende tun
wie z.B. Kaffee holen und die Post verteilen.
Und dann: „Frau Seel, Sie haben im Osten doch sicher noch
Telex, machen Sie das doch mal und schicken welche raus an unsere Kunden!“ – Ja, natürlich kannte ich Telex,
doch auch für mich war es damals schon so, als ob ich heute eine Brieftaube verschicken würde!

* Mein damaliger Chef hatte mich eingestellt mit den Worten:
„Sie sind eine studierte Frau, sind auch schon in der Welt ein bisschen herumgekommen, ich traue Ihnen zu, dass Sie sich
hier bei uns gut einleben und sich neues Wissen aneignen - als studierte Frau mit Diplom wird es ja leicht für Sie sein,
Sie sind das ja gewohnt, sich Wissen anzueignen, es ist mir eigentlich egal, ob aus Ost oder West!“
Nun, das hatte mich am Anfang sehr erfreut und auch immer wieder motiviert, um morgens und abends
die mehr als 2 Stunden Fahrtzeit auf mich zu nehmen – fehlten mir doch mehr als 4 Stunden am Tag für mein Privatleben….

Doch die Praxis war so, dass es überhaupt keine Informationen für mich gab, weder eine interne Ausbildung,
noch eine Anleitung meiner Kollegen, nicht mal eine Schulungsmappe für Auszubildende…..Ich rannte den ganzen Tag
durchs Haus und versuchte – auf meinen Wegen, in denen ich ja die Post (auf allen Etagen) verteilen musste - Kollegen anderer
Abteilungen zu treffen und Informationen zu bekommen – das war wichtig, denn jeder, der einmal Buchhaltung/Bilanzen gemacht
hat, weiß, dass es inhaltlich immer ALLE ABTEILUNGEN betrifft.
Ich habe mir also alles SELBST angeeignet, was ich meinte, wissen zu müssen, um den damaligen Job ausführen zu können.

* Trotzdem gab es Mobbing, „Ossis sind faul, doof und können nicht arbeiten!“
Ich wusste damals noch nicht, was Mobbing ist, konnte aber nachts nicht mehr schlafen, hatte Angst, Fehler zu machen
und erst Recht für blöd gehalten zu werden….und machte dann natürlich Fehler….ein Kreislauf.
Dann war plötzlich Urlaubszeit. Alle wollten - diesmal- zugleich!
Haben mich dann wegen der Urlaubszeit 1 Woche allein gelassen: Meine Kollegen (der anderen Abteilungen) waren erstaunt,
was ich alles geschafft hatte und wie ich aufgeblüht war!
Natürlich waren mir auch Fehler passiert, musste ja BUCHEN, wo ich doch vorher NIE an den Rechner durfte – aber meine
Kollegen hatten mir auch nichts gezeigt, nicht mal vor der Urlaubsvertretung…………….

* Trotz allem: mein Studienabschluss war NICHTS mehr wert!
(Heutzutage ist man froh, wenn Leute einen Abschluss haben in Buchführung oder Rechnungsführung/Statistik oder auch
in Wirtschaftsprüfung – ich hatte dazu einen akademischen Grad - doch MIR sagte man damals, das sei alles NICHTS……)

* Habe diese ganze Geschichte genau ZWEI JAHRE ausgehalten, habe dann gekündigt
und bin in den Ostteil von Berlin zurückgekehrt.
Habe kurz danach bei einer internationalen Firma angefangen – JENE Kollegen SCHÄTZTEN meine Ausbildung,
denen war es egal, ob Ost oder West- sie kamen ja NICHT ausschließlich aus DEUTSCHLAND!
Ich habe dort komplett neu angefangen. Sie haben mich einfach mal „machen lassen“…..
und nicht immer alles vorgeschrieben….oder sich als „Besser-Wessi“ aufgeführt…..
DAS war das Beste, was ich hatte tun können – denn diese Zeit dort war der Beginn meines jetzigen erfolgreichen Lebens!


Allgemein kann ich noch folgendes sagen:
Auch dort in der internationalen Firma hatte ich - teilweise - Vorgesetzte aus dem Westen(!) Deutschlands.
Es gab damals eine Kampagne (das weiß ich inzwischen von einem meiner Cousins aus Westdeutschland)
und diese kann man im Großen und Ganzen wie folgt benennen:
„Willst Du gut verdienen und VIEL zu sagen haben? Dann geh doch in den Osten!
Die brauchen Dich da zum Aufbau, können ja nichts selber!
Machst Du das, dann kriegst Du zusätzlich zu Deinem (West)Gehalt den sogenannten  „Ostzonen- Erschwerniszuschlag“ !!!!!!"
Ich konnte es zunächst nicht glauben, als ich das hörte….
Doch in vielen Firmen war es tatsächlich so – überall wurde jemand aus dem Westen einem (Bereichs)Leiter
aus dem Osten VORGESETZT ☹

Ich selbst kam in der internationalen Firma gut zurecht, habe in dieser sowohl im Osten als auch später im Westen
Deutschlands gearbeitet - aber für eine neue Herausforderung habe ich nach einigen Jahren sogar meine Heimat
ganz verlassen, wurde dort im Westen Deutschlands nämlich auch nicht glücklich…..
Geschäftlich war ich zwar erfolgreich, aber privat passte es einfach nicht,
die Mentalität zwischen Ost und West ist einfach ZU unterschiedlich.
Aus eigenem Erleben weiß ich, dass diese Unterschiedlichkeit der Mentalität bis zum heutige Tage anhält.
An sich ist das nicht schlimm und auch nicht schlecht – ein Bayer ist auch nicht genauso wie ein Hamburger
oder wie ein Berliner! – aber wenn es um den Osten geht, „ticken“ viele Menschen einfach anders…..

Viele DDR-Bürger gingen nach der „ Westerfahrung“ wieder zurück in ihre Heimat, konnten es einfach nicht (mehr) aushalten,
als doofer Ossi angesehen zu werden oder als jemand, der aus einem Land kam, wo vieles Mangelware war,
man manches gar nicht kaufen konnte…..und man viele Entbehrungen gehabt hatte.
Mein Vater sagte früher immer: „Bei uns im Osten war der Krieg auch schon 40 Jahre vorbei!“
Leider war das nicht immer im Täglichen – anhand des Wohlstandes bzw. der Effektivität der Firmen – zu spüren.
(dies allein ist ein großes Thema für sich, denn die Leute waren im Täglichen meist zufrieden oder zumindest nicht unglücklich
in der DDR, doch von der politischen Seite her gab es viele Auflagen/Anordnungen von „Oben“…..
UND: auch solche, die aus dem ganzen politischen Gefüge im damaligen Europa resultierten,
denn:
es gab von Seiten der westlichen Länder (damals EWG oder EG) viele Exportbeschränkungen in den Osten – was zur Folge
hatte, dass das Fahrrad im Osten das 2. Mal erfunden werden musste, wie ich immer sage,
UND: dass vieles in der DDR in den Westen exportiert wurde, da der Osten DEVISEN brauchte – Ware, die aber im Osten
FEHLTE, ein Umstand, der auch immer vergessen wird zu erwähnen.
Ein weiterer riesiger Punkt war natürlich die Rüstung/Aufrüstung auf BEIDEN Seiten der deutschen Grenze – ein Fakt,
der damals auch riesige Summen verschlang!
Also, einfach zu sagen “der Ossi war faul und brachte es zu nichts!“ oder wie eine Kollegin in Westberlin mal zu mir sagte:
„Ihr wart ja zu blöd, um eine ordentliche Autobahn zu bauen, das „stuckert und wackelt“ ja nur!“  - das ist
EINFACH NICHT WAHR! Soooo einfach ist es NICHT!
(um bei dem Beispiel zu bleiben: es gab nämlich KEINEN Beton „einfach so“ zu kaufen!
Es gab „Zuteilung“….und daraus entstand „Improvisation!“ sagte ich immer in solchen Diskussionen)

* Und: Nicht alle 15 Mio. Menschen der DDR konnten - und wollten - ihre Heimat verlassen!!!!
Ein ganzes Land konnte und kann doch nicht umsiedeln!
Noch heute – 30 Jahre später – wird der „Ossi“ belächelt! Oder bedauert, selbst junge Leute betrifft das,
die NACH der Wende geboren sind!
Westleute interessieren sich NICHT für den Osten!....oder ganz selten. (habe das in vielen Gesprächen erlebt)

Doch ich selbst habe auch POSITIVE Ausnahmen kennengelernt!
Diese Menschen kennen mich ganz genau – so wie ich bin. Und sie mögen mich, sie akzeptieren mich.
Sie kennen auch meine „starke Seite“, die ich zwar immer schon hatte, aber die nach der Wende immer wichtiger wurde:
GUT zu sein, in dem was ich tue, manchmal sogar bis hin zum Perfektionismus….
Das finde ich selbst nicht so toll, aber das habe ich im Westen gelernt….
“Als Ossi musst du besser sein als andere und härter arbeiten, um überhaupt eine Chance zu haben…..“

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Inzwischen habe ich SELBSTBEWUSSTSEIN aufgebaut – genauso wie viele andere Menschen aus dem Osten.
Wir können doch stolz darauf sein, was wir geleistet haben!
So habe ich mich nicht immer – getraut – zu sprechen……
Doch inzwischen weiß ich, dass mich Menschen schätzen – als die Person, die ich BIN -
nämlich nicht als blöden, arbeitsscheuen Ossi
sondern als einen Menschen, der gut ausgebildet ist, zuverlässig ist, seiner Arbeit nachkommt,
sich heutzutage auch noch weiterbildet, interessiert ist an Politik und Wirtschaft
und ein gutes/nettes Umfeld hat – eben einen Menschen genauso wie DU & ICH!

Ich sehe mich auch nicht unbedingt als „Deutsch“ oder als „Niederländisch“, wo ich inzwischen lebe -
sondern als „Europäisch“ an – als Teil eines friedlichen, offenen Europas,
wo JEDER Mensch geachtet und geschätzt wird – so wie er ist!

*********************************Angelika Seel Copyright, aktualisiert Venlo Februar 2021*********************************